WAS IST ANDHAKARA YOGA?

Andhakara Yoga – wenn das äußere Sehen erlischt und die innere Wahrnehmung erwacht

Hier der Artikel in der aktuellen Ausgabe 160 von

Yoga in der Dunkelheit

Was geschieht, wenn das Sehen aufhört?

Wenn der gewohnte Bezug zum Körper verschwindet und die Wahrnehmung nicht länger vom Licht geführt wird?

In der Praxis des Andhakara Yoga beginnt die Erfahrung genau an diesem Punkt. Nicht durch das Hinzufügen von etwas, sondern durch das Wegfallen des Gewohnten.

Das Sanskrit-Wort Andhakara bedeutet Dunkelheit. Andhakara Yoga ist ein zeitgenössischer Yogastil, der im Jahr 2013 in Mexiko von Ulises Guerra entwickelt wurde.

Yoga in der Dunkelheit zu praktizieren mag heute ungewohnt erscheinen. Dennoch war es früher für Yogis selbstverständlich, in dunklen Höhlen zu meditieren und zu praktizieren, teilweise über mehrere Tage hinweg.

Schon wenige Minuten in völliger Dunkelheit können verschiedene positive Effekte auf die Psyche, die Energie und auch auf die Zellen des Körpers haben. Wenn diese Erfahrung zusätzlich mit einer fokussierten Meditation oder Yogapraxis verbunden wird, verstärken sich diese Wirkungen deutlich.

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Grad der Dunkelheit

Heutzutage gibt es Praktiken, die Yoga bei gedimmtem Licht oder mit verbundenen Augen ausführen. Dabei wird jedoch nur ein geringer Grad an Dunkelheit erfahren.

Im Andhakara Yoga findet die Praxis in völliger Dunkelheit statt. Der Raum muss vollständig dunkel sein. Kein einziger Lichtpunkt ist erlaubt.

Es ist eine vollkommen andere Erfahrung, sich mit verbundenen Augen in einer hellen Umgebung zu befinden, als sich in einem Raum aufzuhalten, der vollständig lichtfrei ist.

Die Dunkelheit richtet sich nicht nur an die physischen Augen. Sie wirkt auf alle Zellen des Körpers und insbesondere auf die Zirbeldrüse.

Da die Zirbeldrüse lichtempfindlich ist, beginnt sie in völliger Dunkelheit Melatonin zu produzieren. Der Körper und der Geist verlassen den aktiven Modus und wechseln in einen Zustand der Entspannung.

Dies macht dich sensibler, empfänglicher und offener, was grundsätzlich sehr förderlich für eine tiefe Yogapraxis ist.

Wenn du mehrere Stunden in völliger Dunkelheit verbringst, beginnt die Zirbeldrüse zudem, Pinolin zu produzieren. Dabei handelt es sich um ein Molekül mit psychoaktiven Eigenschaften, das hauptsächlich in tiefen meditativen Zuständen oder während des REM-Schlafs entsteht.

Wenn du mehrere Tage in Dunkelheit verbringst, beginnt die Zirbeldrüse außerdem, DMT zu produzieren, von manchen als „Molekül des Geistes“ bezeichnet. Es wird vor allem bei Geburt, Nahtoderfahrungen und in tiefen meditativen Zuständen freigesetzt.

Du entscheidest also selbst, wie tief du in deine Praxis gehen möchtest.

In gedimmtem Licht oder mit verbundenen Augen lassen sich diese Ebenen der Tiefe nicht erreichen.

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Das Erwachen der subtilen Wahrnehmung

Wir sind daran gewöhnt, die Welt über unsere physischen Sinne wahrzunehmen. Dabei erhalten wir nicht aus allen Sinnen gleich viele Informationen. Etwa 80 Prozent der Informationen gelangen über das Sehen zu uns.

Das bedeutet, dass das Bild, das dein Gehirn von der Welt erschafft, hauptsächlich durch die Augen entsteht.

Viele Menschen glauben, dass sie in der Dunkelheit nicht sehen können. In Wirklichkeit werden lediglich die physischen Augen funktionslos, da sie auf Licht angewiesen sind.

Dennoch wird in der Dunkelheit eine andere Form des Sehens möglich. Ein subtileres Wahrnehmen.

So wie die Dunkelheit die Aktivität der Zirbeldrüse beeinflusst, wirkt sie auch auf das dritte Auge, das Ajna Chakra, und fördert die Entwicklung dieser subtilen Wahrnehmung.

Die Energie, die normalerweise in die physischen Augen fließt, richtet sich in der Dunkelheit stattdessen auf dieses Zentrum aus und beginnt, die Wahrnehmung über dieses zu aktivieren.

Mit der Zeit lernst du, die Realität auch ohne die physischen Augen wahrzunehmen. Deine Sicht auf die Welt wird weiter.

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Dunkelheit als Spiegel

Während einer Yogastunde verlieren Schüler häufig ihren Fokus, weil sie andere beobachten. Der Geist vergleicht, bewertet oder schweift ab, angeregt durch visuelle Eindrücke.

In völliger Dunkelheit fallen diese Ablenkungen weg. Selbst wenn du den Raum mit anderen teilst, tritt ihre Präsenz in den Hintergrund. Es fühlt sich an, als wärst du allein in einem endlosen dunklen Raum.

Im Andhakara Yoga ist der Lehrer keine visuelle Referenz mehr, die die Praxis zeigt oder vormacht. Die Anleitung erfolgt im Voraus, bevor die Praxis in der Dunkelheit beginnt.

In der Dunkelheit bist du nur mit dir selbst.

Im Licht erkennst du dich im Spiegel der anderen. In der Dunkelheit erkennst du dich direkt.

Dein Bewusstsein wird zu deiner einzigen Orientierung. Nicht der Lehrer, nicht der Raum, nicht die Zeit.

Die Dunkelheit ist wie ein Spiegel, der nicht deinen Körper reflektiert, sondern dein Sein.

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Von äußerer Dunkelheit zur inneren Dunkelheit

Die Praxis des Andhakara Yoga besteht nicht nur darin, Asanas in Dunkelheit auszuführen, Melatonin zu produzieren oder eine subtilere Wahrnehmung zu entwickeln.

Im Wesentlichen ist Andhakara Yoga eine innere Reise. Eine Praxis, um den eigenen Schatten zu erforschen, zu erkennen und zu integrieren.

Viele Yogapraktiken und spirituelle Traditionen konzentrieren sich heute hauptsächlich auf Mitgefühl, Liebe und Freundlichkeit. Mit anderen Worten, sie kultivieren vor allem die lichte Seite der Existenz.

Dies ist vergleichbar damit, nur den Tag zu leben und die Nacht zu vernachlässigen. Oder nur die Einatmung zu kultivieren und die Ausatmung zu vergessen.

Auf diese Weise wird die Existenz nicht in ihrer Ganzheit erfahren.

Die Integration der eigenen Dunkelheit bedeutet, die fehlenden Teile des inneren Ganzen zusammenzuführen. Dies ist das zentrale Ziel im Andhakara Yoga. Vollständigkeit durch Integration der eigenen Dunkelheit.

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Die Illusion transzendieren

Eines der ursprünglichen Ziele des Yoga besteht darin, die illusionäre Natur der Welt zu transzendieren.

Jede Form, die du wahrnehmen kannst, kann zum Ausgangspunkt von Illusion werden. Und jede Form gelangt durch das Licht in deine Wahrnehmung.

Durch das Licht bist du in der Lage, Unterschiede in der Welt wahrzunehmen. Du erkennst den Großteil der Dualität. Schön und hässlich. Groß und klein. Spektakulär und gewöhnlich.

Wenn du daran gewöhnt bist, die Welt ausschließlich durch deine physischen Augen wahrzunehmen, gewöhnt sich auch dein Gehirn daran, hauptsächlich durch Unterschiede und Gegensätze wahrzunehmen.

In völliger Dunkelheit hingegen kannst du keine Unterschiede mehr erkennen. Ganz gleich, in welche Richtung du blickst, du siehst überall dasselbe: Dunkelheit.

Alle Formen lösen sich in der Dunkelheit auf. Wenn du regelmäßig in völliger Dunkelheit meditierst oder Yoga praktizierst, lehrst du dein Gehirn, ohne Formen wahrzunehmen, ohne Unterschiede, ohne Vergleich, ohne Dualität.

Kurz gesagt führt die Wahrnehmung durch Licht den Geist in die Dualität. Die Wahrnehmung durch Dunkelheit hingegen führt den Geist in einen Zustand von Ganzheit und Einheit. Genau dieser Zustand kommt dem ursprünglichen Ziel des Yoga näher, die illusionäre Welt der Formen zu transzendieren.

Dadurch beginnt die Macht, die die Dualität über den Geist besitzt, allmählich schwächer zu werden und sich langsam aufzulösen.

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Ego und Bestätigung

Das Ego kann ohne andere nicht existieren. Es braucht ein Gegenüber, um sich zu zeigen.

In völliger Dunkelheit gibt es nichts zu zeigen. Keine Möglichkeit, zu demonstrieren, wie gut du praktizierst oder wie spirituell du bist.

Die Praxis wird ehrlicher. Direkter. Realer.

Sie wird zu einer Praxis nur für dich selbst. Das Bedürfnis nach Bestätigung oder Anerkennung verliert an Bedeutung.

Und das Ego beginnt sich aufzulösen.

Im Andhakara Yoga gibt es nichts zu sehen. Und nichts zu zeigen. Es ist eine tiefe innere Praxis.

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Zur Struktur des Andhakara Yoga

Das Fundament der Praxis besteht aus folgenden Elementen: Dunkelheit, Avigraha Asanas, Kuji-in, festgelegte Serien von Asanas und spezifische Musik.

12 Praxisserien

Es gibt insgesamt 12 Serien von Yogahaltungen. In jeder Serie ist die innere Arbeit unterschiedlich.

In der Power Serie liegt der Fokus darauf, sich mit der eigenen inneren Kraft zu verbinden und zu erkennen, wie sehr das eigene Leben aus dieser Kraft heraus entsteht.

In der Healing Serie werden Klang und Vibration der eigenen Stimme genutzt, um Heilungsprozesse zu unterstützen. Der Schwerpunkt liegt darauf, Energie bewusst zu lenken und regenerative Prozesse im Körper zu fördern.

Dunkelheit

Die Praxis findet in völliger Dunkelheit statt. Dies macht bestimmte Haltungen anspruchsvoller, insbesondere Gleichgewichtspositionen.

Gleichzeitig ermöglicht es eine sehr tiefe Praxis, da keine visuellen Ablenkungen vorhanden sind und der Fokus auf dem inneren Erleben liegt.

Kuji-in

Andhakara Yoga umfasst auch Schattenarbeit. Dafür wird Kuji-in verwendet, eine alte Technik aus den schamanischen Traditionen des tibetischen Bön.

Kuji-in ist ein kraftvolles Werkzeug für spirituelle Entwicklung, Selbsterkenntnis und das Erwecken innerer Potenziale. Jedes Siegel besteht aus Mudra, Mantra und Visualisierung und wird mit den Asanas kombiniert, um die innere Arbeit zu vertiefen.

Spezifische Musik

Musik kann gezielt emotionale und mentale Zustände beeinflussen. Daher wird jede Serie von spezifischer Musik begleitet.

In der Power Serie werden beispielsweise Trommelrhythmen verwendet, um ursprüngliche Kraft zu aktivieren. In der Introspection Serie unterstützen Klangschalen und Gongs das Eintauchen in tiefe meditative Zustände.

Avigraha Asanas

Das Sanskrit-Wort Avigraha bedeutet ohne Form.

Avigraha Asanas sind Haltungen ohne Form im mentalen Sinne. Der Fokus liegt nicht auf der äußeren Form der Asana, sondern darauf, jegliche gedankliche Vorstellung davon loszulassen.

Die Dunkelheit unterstützt diesen Prozess, da sie die sichtbare Form des Körpers auflöst. Dadurch wird es leichter, die Asana auch im Geist aufzulösen und die Aufmerksamkeit auf das innere Erleben zu richten.

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Abschließende Worte

In verschiedenen schamanischen Traditionen gibt es sogenannte Dunkelheitsrituale, in denen Menschen über Stunden oder Tage in völliger Dunkelheit verweilen, entweder in Meditation oder in einem Zustand stiller Wahrnehmung.

Heute sind wir einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt. Die Wahrnehmung und der Geist werden überlastet, was zu Stress im Alltag führt und die spirituelle Entwicklung erschweren kann.

Andhakara Yoga setzt genau hier an. Die Praxis dient auch dazu, die Wahrnehmung zu klären.

So entsteht die Möglichkeit, die Welt auf eine andere Weise zu sehen und zu verstehen.

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